9. Januar 2008 - ein Mittwoch
Die Abstände der Eintragungen werden länger...das ist ein gutes Zeichen, denn damit schwindet die Konzentration auf das Krankheitsgeschehen und es werden wieder Dinge möglich und wichtig, die in den letzten Monaten zu kurz gekommen sind.
Am 3.1. war ich in Göttingen und konnte im Gespräch mit dem behandelnden Arzt klären, dass zunächst einmal keine weitere Hochdosischemo mit Stammzellenrückgabe notwendig ist.
Gott sei Dank, denn gerade erholt sich mein Körper wieder ein bisschen und gewinnt Kräfte zurück.
Ich darf wieder normal essen und habe mich über die ersten Salate gefreut. Immerhin hatte ich seit September auf alles Frische, das nicht schälbar war, verzichtet.
Therapeutisch ist nun die Frage, wie es weitergeht. Evtl. werde ich bei einer Studie mitmachen, in der es um Erhaltungstherapien geht. Eingesetzt wird das relativ neue Medikament VELCADE. Die eine Hälfte der Gruppe wird damit behandelt, die andere nur beobachtet. Das Ganze wird per Zufall bestimmt, wer in welche Gruppe kommt.
Velcade hat leider auch einige Nebenwirkungen, aber da es nur einmal pro Woche gegeben wird, kann man diese einigermaßen begrenzt halten. Na, wir werden sehen. Am 31.1. muss ich wieder nach Göttingen, um Nägel mit Köpfen zu machen.
In den nächsten Tagen werde ich aber noch einmal in meine alte Heimat Eberbach zu meinem Bruder fahren, um dem Körper eine Luftveränderung zu gönnen. Kann sicher nichts schaden.
10. - 14.1.2008 in Eberbach
Eigentlich war ja schon die Autofahrt bis in meinen Heimatort ein kleines Wagnis, denn immerhin sind das über 400 km und so lange Strecken bin ich lange nicht gefahren. Es ging aber alles gut, auch wenn der Stau bei Kassel über eine Stunde dauerte und meine Anfahrkünste im 1. Gang wirklich auf ein starke Probe gestellt hat.
In Eberbach habe ich dann im Rahmen meiner Möglichkeiten sogar wieder etwas bei der Renovierung meines Elternhauses geschafft. Streichen ist angesagt und mit großen Pausen und ohne Übertreibung konnte ich einiges schaffen. Noch nicht einmal schwarz ist mi vor Augen geworden, wenn ich mich gebückt habe...wenn das nix ist! Der Körper erholt sich.
Am Montag, den 4.1. bin ich dann wieder nach Hause gefahren, nicht ohne einen Kurzbesuch bei einer Bekannten, die ich seit 2003 nicht mehr gesehen hatte, auf dem Weg zu machen. Gegen Abend war ich dann wieder in Heinade.
Motto: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt ---
16.1.2008 Arbeitsbeginn
Am Mittwoch traf ich mich mit den Kolleginnen und Kollegen, die seit Monaten meine Vertretung organisiert und durchgeführt hatten. Da war erst einmal Dank angesagt für diese unkomplizierte Vertretung. DANKE!
Dann hatten wir unsere ersten Absprachen, wie ich den Dienst wieder aufnehmen soll. Zunächst werden das 2 Sonntage pro Monat und Besuche und Amtshandlungen sein. Einige andere Aufgaben werde ich später dann wieder übernehmen, wenn die Kräfte es zulassen. Es nützt ja niemandem, wenn ich zu Beginn alles übernehme und dann die Kräfte nicht reichen. Dennoch bin ich sehr froh, wieder etwas in der Gemeinde tun zu können. Erster Gottesdienst: 27.1.
Nebenbei immer wieder Kontakte zu anderen Betroffenen...man muss sich gegenseitig ermutigen. Betonung liegt auf gegenseitig, denn wer Ermutigung braucht ist immer anders, es sind nie dieselben, sondern mal ist es der eine, mal die andere.
Ich habe einige Besuche gemacht und mich gefreut zu hören, wie doch viele Menschen in der Gemeinde in den letzten Monaten sich informiert haben, wie es "dem Pastor" geht.
20.01.2008 Ein unverhoffter Besuch
Es passiert ja nicht oft, dass sich jemand spontan nach Heinade verirrt, dazu liegt das Dorf zu abseits, aber gestern kam doch eine Bekannte für kurze Zeit auf Besuch - sehr schön! Sie hat auch schon eine lange Geschichte mit Brustkrebs hinter sich und versteht deshalb so einiges von meinen Schilderungen.
Motto: Unverhofft kommt oft!
21.1.2008 ein "Pastorensonntag"
So nennt man ja landläufig den Montag, an dem die meisten Pastoren versuchen, frei zu machen, wenn das Wochenende Dienst war. Bei mir war das Wochenende frei, also ist auch kein Pastorensonntag. Im Anflug von Arbeitswut habe ich heute bereits den Gottesdienst für den 27.1. fertig gestellt...kommt auch selten vor, dass man das so früh in der Woche schafft, aber ich bin froh, denn das lässt mir dann in der Woche Zeit für andere Dinge.
Ich denke man merkt es beim Lesen dieser Zeilen, dass ein Hauch von Normalität wieder einkehrt. Heute Nachmittag werde ich bei einem Frauenkreis vorbeischauen, dessen Mitglieder sich immer wieder nach meinem Ergehen erkundigt haben und auch so manche mutmachende Karte geschrieben haben.
Ach ja, da fällt mir noch ein, dass sogar der Bart wieder ein wenig zu wachsen anfängt! Und ich habe mir sagen lassen, das am Hinterkopf auch das eine oder andere dunkle, neue Härchen sich zeigt...
Bin gespannt, wie die Haare dann wiederkommen.
24.1.2008 - Donnerstag
Eigentlich dachte ich, es sei nur ein Anruf zur Terminverlegung eines ambulanten Termins, aber im Laufe des Gespräches mit der Mitarbeiterin der Uniklinik Göttingen wurde schnell deutlich, dass nun doch eine zweite Stammzellentransplantation gemacht werden muss.
Die erste hat nicht zu einer kompletten Remission geführt, sondern nur zu einer guten, das ist, in Noten ausgedrückt eine "3" und damit ist deutlich, dass eine zweite hinterher geschoben werden muss, um die Remissionstiefe zu verbessern und dann auch längerfristig etwas davon zu haben.
Das hat mich natürlich sehr getroffen, denn wenn man gerade dabei ist, die Normalität wieder zu entdecken, dann ist die Aussicht auf diese Strapaze nicht gerade mutmachend.
Also werde ich am 6.2. erst einmal wieder zu den Voruntersuchungen reisen, und wahrscheinlich am 28.2. geht es dann wieder auf die Station "Holland" zur Chemo und Transplantation. Die nachfolgenden 4 Wochen (vielleicht ja auch nur 3) sind dann gesichert und auch die Erholungsphase wird sicher wieder einige Wochen dauern.
Ich bedaure meine Kollegen, die nun doch wieder vertreten müssen, ich bedaure die Gemeinden, die wieder nichts von ihrem Pastor haben, aber es geht halt um die Stabilisierung der Gesundheit und da sind diese Dinge anders zu regeln.
Nachdem die erste Enttäuschung verarbeitet ist, werde ich die nächsten Wochen noch genießen und mich dann innerlich und äußerlich intensiv auf die neue Situation einstellen, es nützt ja nichts.
So werden auch viele von Ihnen und Euch, die diese Homepage besuchen, erneut das Auf und Ab in der Krankheit mitverfolgen. Für alle Unterstützung dabei schon einmal jetzt herzlichen Dank!
Motto des Tages: "Kopf hoch und Nase in den Wind!"
Freitag, 1.Februar 2008
Ist es nicht irre, wie schnell der erste Monat des Jahres vergangen ist? Da rast die Zeit dabei möchte man o gerne jede Minute intensiv genießen zumal ja die Krankheit immer im Nacken sitzt.
Was ich genieße, ist einfach die Arbeit, die ich tun kann. Zwar mit verminderter Kraft, aber immerhin so, dass ich wieder vorkomme bei den Menschen, sei es durch die Gottesdienste oder aber durch Besuche.
Gestern wurde in Holzminden der Krankenhausseelsorger in den Ruhestand verabschiedet. Über 18 Jahre hat er in zwei Krankenhäusern gearbeitet und dabei so manchen Patienten/in begleitet, sehr oft auch auf "letzten" Wegen. Wie wichtig gerade in der Arbeit mit Sterbenden das Schweigen am Krankenbett war, wurde noch einmal deutlich, also eben nicht das dauernde Ermuntern und Ermutigen, das natürlich auch dazu gehört, sondern gerade das geduldige Aushalten der eigenen Sprachlosigkeit angesichts einer nicht mehr zu heilenden Krankheit.
Der Aufbau von Hospizdiensten, die den Patienten und Angehörigen helfen, mit Verlusten und der eigenen Unmöglichkeit, etwas tun zu können, umzugehen, gehörten mit zu seinen Aufgaben. Auch in der Ausbildung der Schwestern und Pfleger hatte er eine wichtige Rolle, nämlich auch da über das rein medizinische Wissen eine Tür zu öffnen für die Menschlichkeit und die menschliche Begleitung in Krankheitssituationen.
Ich ziehe den Hut vor dieser Arbeit (kleiner Scherz am Rande: Ich kann jetzt wirklich den Hut ziehen, denn seitdem ich meine Glatze habe, brauch ich einen und habe mir also einen zugelegt) weil sie soviel Demut erfordert mit sich selber.
Ich weiß nicht wie es euch geht, aber gerade wenn die menschlich technischen Möglichkeiten am Ende sind und man nichts mehr "machen" kann, braucht es Menschen, die dies aushalten und einfach dableiben, wo andere weggehen.
Ich glaube, dass auch beim Krankheitsbild Krebs dies sehr wichtig ist, bei aller positiven Grundstimmung, die man dem Kranken auch entgegenbringen muss.
Aber aus eigener Erfahrung weiß ich jetzt, dass man halt nicht immer oben auf ist, sondern manchmal nur jemanden braucht, der kommt, sitzt, schweigt und wieder geht.
Ansonsten geht es mir erstaunlich gut ohne Medikamente, auch wenn mein Gesicht manchmal ganz viel rote Punkte hat, deren Ursprung mir fremd ist, aber das gehört wohl auch dazu.
Motto des heutigen Tages
ist die Tageslosung aus PSALM 11,1:
"Ich traue auf den Herrn!"