Mit dem Krebs im Gespräch

1. März 2008 - Tag 1 - Wieder ein neuer Monat


Nachdem es ja den gestrigen Tag nur einmal alle 4 Jahre gibt, fängt nun schon der dritte Monat 2008 an.

Für mich ist es Tag 1, denn in den nächsten Tagen und Wochen wird immer ab der Stammzellenrückgabe gezählt.

Ich habe gut geschlafen, nur 3 kleine Unterbrechungen, aber eben doch ganz schön schlapp nach der gestrigen Transplantation. Transplantation klingt für 2 kleine Flüssigkeitsbeutel ziemlich groß, ist aber tatsächlich ganz schön belastend für den Körper. Ich merke, dass ich auf meinen Mund aufpassen muss, weil nun schon der Geschmack und das Gefühl an der Schleimhaut sich verändert. Da dürfen keine Infektionen reinkommen, deshalb wieder spülen, spülen, spülen.

Ausserdem riecht es im Zimmer nach Maiglöckchen...warum?

Das Kühlmittel in den eingefrorenen Stammzellen hat so eine Schwefelkomponente, die dann riecht wie Bärlauch oder Knoblauch. Man selbst kriegt es ganz am Anfang mit, dann nur noch die, die ins Zimmer reinkommen.

Also Maiglöckchen im März - eigentlich kein schlechter Titel für einen Krankenhauskrimi. Bin sowieso am Überlegen, ob man nicht einen Krankenhauskrimi schreiben könnte...nun ja, mal sehen...

Bisher ist es spannend genug.

Werde die nächsten Tage sicher etwas weniger schreiben, je nach Kraft, aber ein bißchen ein Anreiz zum Aufstehen und wieder fit werden ist diese Homepage doch.

Danke für alles Mitdenken und Daumendrücken.


Motto: "Maiglöckchen im März!- dem Unangenehmen seine angenehmen Seiten abgewinnen!"


Sonntag, 2.März 2008 - Tag 2 - nix los


Heute geht es mir auch wieder nicht so doll! Aber ich bin halt auf dem "normalen" absteigenden Ast. Die Blutwerte verringern sich, das Essen ist eine Zumutung. Die Träume von gut schmeckenden Frikadellen und Currywürsten stellen sich wieder ein. Manchmal ist das wirklich gut gekochte Essen hier in Göttingen wie "Perlen vor die Säue". Man sieht es an, man denkt: Es müsste schmecken, dann schiebt man einen Happen hinein und dreht sich angewidert weg. Das war's.

Heute wird dieser Eintrag ganz kurz bleiben - was soll ich auch schreiben? Es passiert ja nichts! Selbst Fernsehen ist zu anstrengend und ausser ein paar Schneebildern aus Lahti oder anderswoher, war nichts drin.

Jetzt mach ich mir einen Tee und dann will ich mal sehen, ob ich den zurückgelassenen Kuchen vom Mittag essen kann...


Motto: "Von nix kommt nix!"


Montag, 3.3.2008 - Tag 3


Tja, was soll ich sagen, das Mittagessen hat heute sogar fast mal geschmeckt. Hätte nicht gedacht, dass trockener Vollkornreis einmal zu meinen Leibgerichten zählen würde.

Gestern Abend waren es die Salzstangen, die den Tag herausgerissen haben, weil sie es vermocht haben, einmal das taube Gefühl im Mund zu durchbrechen. Ansonsten gibt es natürlich nicht viel Neues. Bin zufrieden, wenn es nicht viel schlechter wird und versuche halt, so viel es geht, mich dennoch zu bewegen bzw, Nahrung zu mir zu nehmen. Die Nerven spannen sich langsam etwas mehr an, ich werde gereizter, aber alles noch in Grenzen.

Für viele von Euch mag es langweilig sein, hier immer nur zu lesen: Schlapp, keine Kraft, kein Appetit, Verstopfung, etc pp, aber der Tag besteht aus diesen kleinen Dingen, die es wert zu schätzen heißt!

Hineinversetzen kann sich eh nur der oder diejenige, die etwas Ähnliches einmal mitgemacht haben. Kopf hoch heißt immer wieder die Devise und Geduld mit sich selbst. Sage mir dann immer wieder, dass es vergleichbar ist mit dem berühmten Himalayaanstieg und momentan bin ich erst bei 4500 Metern, also noch ein Weg zu gehen.

Lese gerade ein sehr hübsches Buch: "Candlelight Döner!" von einer türkisch-deutschen Autorin. Super! Jedenfalls sehr leichte Kost, die man gut auch in meiner Situation mal verdauen kann.

Leider schildert sie auch sehr leckere türkische Gerichte - köfte lassen grüßen!, aber wenn ich Glück habe, werde ich heute einmal selbstgemachte Maultaschen einschleusen lassen und diese mit einer stinknormalen Rinderbrühe genießen.

Wie gut, dass ich die neulich noch hergestellt und eingefroren habe. Irgendwas braucht man ja, um sich drauf zu freuen.

So, mehr geht jetzt nicht, meine Mundspülung ruft ziemlich laut!


Danke für alle Anrufe und alles An-mich-Denken!


Motto:"Kein Motto ist auch eins!"


Dienstag, 4.3.2008 - Tag 4


Früher sagte man, dass bei der Parade auf dem Roten Platz zum Jahrestag der Revolution die alten Herren der Partei immer deshalb gewinkt haben, weil sie damit zeigen konnten, dass sie noch leben...ungefähr so verstehe ich diesen heutigen Eintrag.


Kann zwar kaum noch viel Kräftiges gestalten, aber halte immer noch durch.

Die Leukos sind jetzt wie erwartet auf NULL. Also von wegen Immunabwehr - das gibt es nicht mehr!

Dafür hat sich pünktlich der Durchfall eingestellt. Vorzug davon ist, dass die Verstopfung beendet ist. Also alles kann auch positiv gesehen werden.

Der Mund fühlt sich an wie die feine Scheuerseite eines Badezimmerschwammes, ist aber noch nicht irgendwie entzündet oder offen, also gibt es noch Hoffnung.

Und morgen beginnen dann die Granocyte Spritzen, das sind die aus emsigen chinesischen Hamsterovarien gewonnen Zellen, die das Immunsystem anregen, schnell wieder Leukozyten zu bilden.

Also, an die Hamster!


In Anlehnung an das gestern erwähnte Buch, habe ich durch die vielen Schilderungen der leckeren türkischen Speisen, für die Zeit "danach" schon mehrere abendfüllende türkische Fladenbrot, Köfter, Cremes etc pp - Abläufe geplant und entsprechend in Gedanken vorgekocht. das macht dann wenigstens ein bißchen Appetit auf den nächsten Zwieback.

Bei Thomas Mann, in den Buddenbrooks, kriegten die Kranken immer ein kleines gebratenes Täubchen, ein Gläschen Rotwein und ein Weißbrot...wär ja auch mal was als Abwechslung. Nun ja, aber für morgen habe ich Wunschkost bestellt: Kartoffelbrei mit Sauce!


Habe die Ärzte gefragt, ob das Uniklinikum einen Exklusivvertrag mit einem Geflügelzüchter hat bei der Fülle der Geflügelprodukte, die tagtäglich hier verabreicht werden. Antwort: Das hat vorhin gerade auch schon jemand anderes auf dem Flur gefragt...Nun denn, dann ist meine Einschätzung doch nicht ganz subjektiv.


So, jetzt ist genug, bin platt und stolz zugleich, mehrere Emails beantwortet, Text hier geschrieben, 3 Minuten Fahrrad gefahren, was will der Knochmarkstransplantierte mehr??


Motto:" Lass die Hamster ran!"


Mittwoch, 5.3.2008 - Tag 5

Die Hamster arbeiten!

Heute morgen bekam ich nun die erste der folgenden wahrscheinlich 4-5 Spritzen, die ich gestern beschrieb. Da kostet eine Injektion so um die 300 Euro mindestens. Man kommt sich richtig kostbar vor!

Ansonsten war die Nacht ein wenig unruhig, weil mein Nachbar diesmal intensiv gesägt hat, aber so gegen 1 Uhr hab ich ihn dann einfach verbal gebeten, sich doch mal auf die Seite zu legen- und siehe da, es ging mit dem Schlafen.

Ansonsten, toi,toi,toi, gehen die Dinge einen guten Weg. Bin zwar schlapp, das ist normal, aber weder der Mund wird schlimmer, noch der angedeutete Durchfall, also besser ganz ruhig verhalten und jeden Tag mehr als Erfolg buchen!

Heute Mittag gab's dann sogar die bestellte Wunschkost. Frikadelle, Kartoffelpü... und Broccoli.

Bei der Frikadelle fiel mir der Witz aus der Gaststätte ein, bei dem der Gast die Kellnerin fragt:

Entschuldigen Sie, wo ist das Brötchen, das zur Frikadelle gehört? Antwort: Ist drin! Ja, ich weiß, dass da Brötchen rein gehört, aber wo ist das zweite, das die Frikadelle begleiten sollte: Ist auch drin! - so nun wisst Ihr, wie diese keimreduzierte Frikadelle gestrickt war.


Mehr schreib ich heut nicht, mir ist ein wenig grundübel und auf dem Fahrrad hab ich auch nur 2 Minuten geschafft, aber immerhin.


Motto:"Der 5. Tag kommt nach dem vierten!" - dies zur Geduld


Donnerstag, den 6.3.2008 - Tag 6 - Nicht mein Tag!

Wahrscheinlich haben es einige sofort gemerkt, dass am 6.3. keine Aktualisierung erfolgt ist. Es war nicht mein Tag. Schon ein Blutdruck von 95/60 ließ einiges vermuten und dann musste ich auch nach dem Tabletteneinnehmen "Kurt" rufen - um es einmal etwas euphemistisch auszudrücken. Bekam dann etwas gegen die Übelkeit, außerdem 1 Liter Infusion mehr, weil die Durchfälle doch stärker geworden waren.
Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich dann auch im Bett, Ausflüge hierher in den Pavillon wurden gestrichen.

Motto: "Manchmal muss man einen Tag einfach abhaken!"

Freitag, den 7.3.2008 - Tag 7 - Ob es an der 7 liegt?

Heute geht es mir viel besser!
Hurra, das ist doch mal was.
1,5 Brötchen konnte ich essen und musste noch nicht mal sofort danach aufs Klo rennen. Wenn das nichts ist!
Ob es an der 7, der göttlichen Zahl, liegt?
Dann versteh ich auch, warum gestern alles schief gelaufen ist, schließlich ist in der biblischen Zahlensymbolik die 6 als die "Fast-aber-eben-nicht-ganz-7" die Zahl des "Widersachers".

Keine Angst, ich steigere mich da nicht rein, finde es nur lustig.
Die Hamsterspritzen scheinen auch zu arbeiten, leichte Knochenschmerzen in den Röhrenknochen und im Beckenbereich zeigen, dass da die Zellen am Arbeiten sind. Nun bin ich gespannt, wann die Abwehr-leukos wieder zu steigen beginnen. Wahrscheinlich in 1-2 Tagen müsste es so weit sein.

Tja, und das ist fast schon alles, was ich erlebt habe hier. Man ist einfach froh, wenn nix Außergewöhnliches passiert.

Motto: "Am 7. Tag aber ruhte Gott von allen seinen Werken!"

Montag, 10.März 2008 - Tag 10
Ihr habt es schon an meinem Schweigen gemerkt, die letzten Tage waren, um es einmal eindeutig zu sagen, "beschis..."
Nach dem Durchfall hat sich dann Fieber und Schleimhautschädigung eingestellt, weswegen ich nix essen konnte und also ein wenig künstliche Ernährung bekomme. Außerdem die ganze Litanei zur Abklärung, ob es sich um eine Infektion handelt oder aber um die "normalen" Nebenwirkungen der Chemo.
Dann noch eine heftige Reaktion auf ein Antibiotikum, das mich mehrmals "Kurt" rufen ließ...das war mein Wochenende. In der Nacht dann kaum Schlaf, nur gegen Morgen nach einem Fieber/Schmerzmittel.
Samstag bekam ich Thrombozyteninfusion, nachdem der Wert auf unter 12000 gesunken war. Angekommen war ich mit 220000...nun denn. Und gestern am Sonntag habe ich mich dann blutdopen lassen - so wie die Radrennfahrer...und siehe da, der HB-Wert ist seit gestern von 7,4 auf 9,1 gestiegen ...bringt also echt was...
Was mich dabei am meisten begeistert, ist nach wie vor, dass andere Menschen ihr Blut geben, damit Kranke leben können...das ist an sich schon toll und theologisch darf ich darüber gar nicht nachdenken, denn das beeindruckt mich schon schwer. Also, liebe Freunde, wenn Ihr könnt, bitte Blut spenden gehen...es wird echt gebraucht!
So, mehr kann ich euch heute auch nicht schreiben, aber ich hoffe, dass die nächsten Tage so ein Stück Weg zurück ins Normalere bringen und ich dann vielleicht auch schon mal einen Gedanken auf Entlassung verschwenden kann. Wenn es so läuft wie das letzte Mal, könnte ich nächsten Montag schon zu Hause sein...wenn...

Motto: fällt mir heute keins ein

Dienstag, 11.3.2008 - Tag 11

Es fällt mir nach der letzten Nacht nicht leicht, jetzt hier zu schreiben, bin nämlich total gerädert.
Also, das fing so an...erst einmal war ich froh, dass man mir nach dreimaliger Übelkeit doch ein anderes Antibiotikum gegeben hatte, aber irgendwie waren die beiden Kekse, die ich später gegessen hatte nicht dazu geeignet, meine Genesung zu fördern. Das Ende vom Lied - durch die ca. 4 Liter infundierte Flüssigkeit plus zwei chocolate chip cookies sah mein Bauch aus wie der eines südmongolischen Sumoringers des 2. Meigashiri...Blähungen, na ja, das ganze Arsenal der Freuden.
Nach Rücksprache mit den Ärzten gab mir eine Schwester gegen 9 Uhr abends schnell 40mg Lasix, das berühmte "Pinkelmedikament". Es begründet eine intensive Freundschaft zur hauseigenen Toilette, da man danach mindestens alle 15-20 Minuten dieselbe aufsuchen muss und im Schnitt mit 500ml Wasser weniger ins Zimmer zurückkehrt. Das ist natürlich entlastend für das Herz, wenn diese Flüssigkeit weggeht.
Tja, dann kam die zweite, die Nachtschwester, die die erste wohl nicht mehr getroffen hatte und gab mir weitere 40mg Lasix...also 80mg insgesamt.
Nicht grundlegend schädigend, aber die Nacht war gesichert. Ich war dann insgesamt 13 Mal meine Toilette besuchen und siehe da, am Morgen hatte ich 4 Kilo weniger auf der Waage!
Dadurch war es natürlich mit Schlafen nichts geworden. Irgendwann gegen Morgen, als auch die Blähungen etwas weniger wurden, muss ich wohl so für 1 Stunde eingeschlafen sein. Dementsprechend heute meine Stimmung und meine Kraft.
Aber, nichtsdestotrotz, die Hamster haben gut gearbeitet, ich bewege mich mit 4000 Leukos wieder in der Normalität und auch die anderen Werte scheinen so weit ok. zu sein.
Dies könnte bedeuten, dass ich am Freitag nach Hause darf!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

So - wenn das keine Neuigkeit ist. Werde mit meinem Körper Rücksprache halten, dass er auch nun wirklich kein Fieber mehr erzeugt und die Durchfallhäufigkeit herunter fährt, damit da nix dazwischen kommt. So langsam krieg ich nämlich den Krankenhauskoller, mal abgesehen von den nervenzehrenden Schnachgeräuschen, die auch nicht gerade beim Ein- und Weiterschlafen helfen.
Kurz und gut, ich freu mich auf mein Bett, meinen Sessel, meinen Stuhl und alles zu Hause.

Übrigens wollte ich Euch noch einmal sagen, wie schön ich es finde, dass viele auch sich per Email gemeldet haben. Das ist gut!

Motto: "Auf Toiletten, an Ecken und Winkeln, kannst Du mit Lasix wunderbar pinkeln!"

Mittwoch, den 12.3.2008 - Tag 12

Es geht mir sehr, sehr gut heute. Das sage ich voller Freude im Rückblick auf die letzten paar Tage Durststrecke. Habe wirklich gut geschlafen und so Kraft getankt, obwohl ich gegen 23.30h mit einem Buch aus dem Zimmer in den Pavillon umgezogen bin, weil mein Bettnachbar durch meine Ohrstöpsel hindurch geschnarcht hat. Nach einer halben Stunde war ich dann aber so müde, dass es mit dem Schlafen relativ schnell geklappt hat.
Und das verändert einen ganzen Tag.
Das Frühstück hat geschmeckt, keine Übelkeit, das Waschen hat zwar mit viel Pusterei (ja, ihr hört richtig, Waschen ist Schwerstarbeit!) gut geklappt...was will ich mehr. 2 Minuten auf dem Ergometer waren dann zwar auch genug und nun sitze ich seit 30 Minuten am PC und lese und beantworte Mails etc.
Relativ normal finde ich und freu mich riesig drüber. Die Vorfreude auf die Entlassung bewirkt das Ihre.
Wahrscheinlich muss man dieses Tagebuch, wenn man selber vor der Therapie steht, von hinten lesen, also vom Ende her, damit man dann den Abstieg in die Niederungen des unvermeidlich Schwierigen besser verkraften und verstehen kann.
Ist übrigens auch ein theologischer Grundsatz...christliche Glaube lebt von der Erfahrung der Auferstehung und kann dann auch die anderen Aspekte des Lebens begreifen und, wenn Ihr wollt, einordnen, ohne sie ausblenden zu müssen. Das finde ich sowieso das Stärkste gegen all die vielen positivistischen "Kopfhoch-Parolen", die einem Schwerkranken nicht helfen, mir jedenfalls nicht.
Aber ich will nicht zu sehr rum philosophieren.
Was mir bei all den vielen Pflegern und Pflegerinnen, die ich mittlerweile kennengelernt habe allerdings auffällt, ist, wie sehr man als Patient sofort spürt, wo Echtheit im Spiel ist und wo nur eine Maske der Professionalität. Wäre mal einen Exkurs wert...

Aber ich lass es sein, werde meinen Tag heute hoffentlich weiter genießen und danke Euch allen für euer Interesse.

Motto nach einem Wort von Thomas Mann:
"Der ist noch lange kein Künstler, der die Sehnsucht nicht kennt nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit!"

(es ist wunderbar, wenn das Leben bei allem Unnormalen wieder "normaler" wird)


Samstag, 15.3.2008 - Tag 15 - Immer noch im KKH


Manch einer hat gedacht, der Stefan schreibt nix, weil er das zu Hause genießt. Nee, der Stefan hat bis zu 39.1 Fieber bekommen und darf noch ein paar Tage hierbleiben. Alles Sch....!

Ich schreib auch nicht viel, weil ich mit der Braunüle in der Hand schlecht tippen kann.

Melde mich, sobald es wieder geht. Bin ziemlich gefrustet.


Motto: Der Mensch denkt, Gott lenkt!


Dienstag, 18.3.2008 - Tag 18


Die letzten Tage waren furchtbar deprimierend. Immer wieder Fieber bis 38.8, kein Appetit, vollkommene Schlappheit, noch mehr als nach der eigentlichen Therapie.

Das Waschen morgens eine Himalayabesteigung.

Auch heute schreib ich nur ganz kurz und geh dann wieder ins Zimmer, es geht einfach nicht.

Danke an alle, die mir Mails geschrieben haben oder noch schreiben wollen. Bitte nicht böse sein, ich kann im Moment nicht antworten, kann sie aber lesen. Danke für alle guten Wünsche und Gedanken.

Es ist schon sehr frustrierend in diesen Tagen. Wer weiß, ob ich vor Ostern noch raus komme??

Ich werde mich nicht drauf fixieren, sondern jeden Tag neu leben.


Motto: "Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!" 2. Korinther 12


Mittwoch, 19.3.2008 - Tag 19


Habe das erste Mal nach drei Wochen wieder gut geschlafen, ohne Schnarchstörung, hihi! Fühle mich im Moment ganz gut, allerdings waren es heute Morgen um 6 Uhr schon wieder 38,5 Grad und ich bekam etwas Fiebersenkendes.

Hatte gestern Abend noch sehr intensiver Schmerzen an den Zähnen bzw. an Nasennebenhöhlen/Stirnhöhlen. Kann beides vielleicht die Ursache auch für das Fieber sein. Das werde ich mal mit den Ärzten nachher ausdiskutieren müssen.

Die Schwestern sind toll, denn sie haben mir niemanden ins Zimmer gelegt und wollen dies auch heute noch so lassen...man hat Mitleid mit mir und das tut, ehrlich gesagt, gut.

Und ich habe, man höre und staune, heute Morgen 4 (in Worten VIER) Brötchen gegessen. Wie? Nicht etwa mit Butter oder Marmelade, sondern nach Urgroßmutters Art. Kaffee schön mit Milch und Zucker und dann tunken, tunken, tunken.

Das schmeckt herrlich und erinnert mich immer an Zentralafrika, wo wir ähnlich gefrühstückt haben, wenn wir im Busch waren.

Also ein wenig Nostalgie, ein wenig Hilfskonstruktion, helfen, dem Körper mal wieder etwas zuzuführen. Bisher war das nicht so dolle. Habe mittlerweile 6 Kilo abgenommen. Wer mich kennt, weiß, dass das überhaupt nichts macht, im Gegenteil, ich bin auch nach dieser Abnahme für mein Gewicht zu klein! Würde sonst wohl in der NBA Basketball spielen, denn mit 213cm kann man das sicher -- bin aber leider nur 183cm groß, so, jetzt wisst Ihr es!

Bin heute echt besserer Laune und hoffe, dass das auch bald Richtung Entlassung so geht...mal sehen.


Motto: "Nicht alles, was zahnlose Großmütter uns vormachen, ist schlecht!"


Gründonnerstag, 20.3.2008 - Tag 20


Leute, ich hab heute keine Lust zu schreiben, ich sag es ganz ehrlich, deshalb nur kurz ein Lebenszeichen, es geht einigermaßen und seit gestern Nacht kein bedeutendes Fieber. Kriege heute um 14 Uhr einen Backenzahn gezogen, danach hab ich wahrscheinlich eh keine Lust mehr zu lesen, zu schreiben oder zu telefonieren.

Alles Gute für heute


Motto: "Woran merkt man, dass man alt wird? Daran, dass die Zähne im anderen Zimmer schlafen!"


Karfreitag, 21.3.2008 - Tag 21


Heute vor drei Wochen wurden mir die Stammzellen zurückgegeben. Sie haben seitdem eine sehr gute Arbeit geleistet, wenn man mal die Blutwerte anschaut. Nur ein beispiel: Die Thrombozyten, also die für die Blutgerinnung notwendigen Anteile - waren am Aufnahmetag bei ca. 240.000, zwischenzeitlich, nach der Chemo, sind sie bis auf 12.000 gesunken. Mittlerweile sind sie wieder genauso hoch wie am Anfang! Toll, was der Körper hier macht!

Nach meiner Extraktion des Backenzahnes gestern geht es eigentlich relativ gut, wenn da nicht ein anderer Zahn sich entschlossen hätte, nun weh zu tun, und das gehörig. Ich weiß echt nicht, wie das weitergehen soll. Bald sehe ich aus wie ein westsibirischer Urgroßvater. Da ich ja die Brötchen morgens nun eh schon tunke, gibt das ein allerliebstes Bild ab...also macht Euch auf was gefasst, solltet Ihr mal bei mir zum Frühstück sein.

Es gab mal einen Zeitpunkt in der Nouvelle Cuisine, da hat man die schönsten Gemüse zu Pürees gemacht als Beilage. Das war so eine Küche, die mir jetzt ganz gut zu Pass käme!

Scheiben von Kalbfilet gebraten mit Püree von Rote Beete, Broccoli und überbackenem Kartoffelpüree - klingt gut, gell?


Spaß beiseite. Der Zahnarzt, der mir erst ein wenig nervös schien, hat den Zahn  nach guter Vorarbeit wirklich in einem Stück heraus bekommen und dann die Wunde vernäht. Mit einer Gabe von Paracetamol von Zeit zu Zeit, lässt sich das Ganze gut ertragen. Das Fieber ist eigentlich auch mittlerweile nicht mehr hochgegangen, aber dem Arzt war heute morgen noch nichts zu entlocken, ob und wann ich dieses gastliche Haus hier mal verlassen könnte.

Nachher ist Visite, dann sehen wir weiter.


Motto: "Mit einem Zahn weniger kann man getunkte Brötchen immer noch essen!"


Karsamstag, den 22.3.2008 - Tag 22


Es gibt nichts Neues zu berichten. Der Tag verläuft wie jeder Tag hier. Ich habe relativ gut geschlafen, meine drei Brötchen getunkt und mittlerweile läuft auch schon wieder der eine Liter Sterofundin, den ich jeden Tag bekomme, nachdem bereits zwei Antibiotika-Infusionen drin sind.

Das Duschen war wieder ein anstrengender Akt, der mich danach immer für 15 Minuten aufs Bett wirft, so anstrengend ist das für den geschwächten Körper.

Die Station ist relativ ruhig, wenig Personal, es ist eben Feiertagsstimmung. Das regnerisch-schneeige Wetter lädt nicht gerade zu frühlingshaften Gedanken ein und macht es mir erheblich leichter, hier zu sein.

Von Entlassungsdaten habe ich noch nichts gehört, aber vor Mittwoch wird das sicher nichts, denn schließlich soll der zweite Zahnübeltäter, der jetzt weh tut, auch noch mal begutachtet werden, wahrscheinlich Dienstag.

Ich wünsche Euch alles Gute und gesegnete Ostern, für die Osterfeuerliebhaber genügend warme Unterhosen und Glühwein oder Bratwürste und für die Schneeliebhaber ein kräftiges Ski Heil!


Motto:"Von wegen: "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche..."" frei nach Goethes Faust


Ostersonntag, 23.3.2008, Tag 23


Da ist doch heute Morgen tatsächlich ein Lindt Osterhase mit Glöckchen über mein Frühstückstablett gehoppelt! Also nicht nur so einer von Aldi, sondern so ein richtiger goldener von Lindt...Mann oh Mann, dann hat sich das ja doch gelohnt, heute hier zu sein!

Mir geht es ganz gut, weiterhin kein Fieber und die Zähne bleiben ruhig, wenn ich sie nicht reize. Draußen liegt 3 cm Neuschnee, zu Hause in Heinade sicher mehr! Der Geruch der qualmenden Osterfeuer ringsum ist übrigens sogar durch unsere Top-Klimaanlage wahrzunehmen gewesen.

Ansonsten gibt es nichts Neues. Ich befinde mich ja im Dauer-ADVENT. Warum? Nun, im Advent geht es ja um das Warten auf Weihnachten. Hier geht es um das Warten auf die Entlassung.

Heute Morgen lief dann meine Braunüle nicht in Gegenrichtung, so dass die Ärztin mich doch pieksen musste, um an mein Blut zu kommen. Man vergisst das schon sehr schnell, wenn man immer so einfach aus irgendwelchen Zentralen Venenkathedern oder Braunülen das Blut holen kann.

Ich wünsche Euch allen gesegnete Ostern und den Blick, der dazu gehört. Über das Momentane, vielleicht Schwierige, hinaus - hin auf neue Schritte.


Motto: " Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit...!"


Dienstag, 25.3.2008 - Tag 25


Gestern hatte ich echt keine Lust zu schreiben. Ich will einfach nur noch nach Hause und weiß immer noch nicht, wann das sein wird.

Heute Morgen bekam ich die dritte Braunüle gelegt, nachdem auch die zweite anfing zu schmerzen. Jetzt liegt sie so blöd, dass, ich kaum tippen kann.

Heute also nix Besonderes, weiter Warten, Warten, Warten - und das nervt.

Werde heute auch keine Mails beantworten, weil das mit dem Arm nicht geht.


Motto: "Ich will heim!"


So, nun ist es amtlich. Nachdem ich heute nochmal bei den Zahnklempnern war und die eigentlich nichts Weltbewegendes finden konnten (und ich also wenigstens diesen Zahn noch behalten habe), kann ich mich auf die Entlassung morgen einstellen.

Ich hoffe, dass es diesmal gut geht und ich wirklich dann am Nachmittag endlich zu Hause sein kann. Dann waren es 4 Wochen und zwei Tage, die ich die Gastlichkeit dieses Hauses hier erleben durfte.

Irgendwann kann man keine Tabletten, Infusionen und abgedeckte Speisen mehr sehen und sehnt sich nach den Einfachheiten eines eigenen Bettes, eines eigenen Speiseplanes und der Möglichkeit, selber bestimmen zu können, wann man aufsteht, sich hinlegt, sich wäscht und etwas isst. Ganz banal halt.


Donnerstag, den 27.3.2008 - Tag 27


Gestern war es so weit (und deshalb gab es auch keine Neuigkeiten hier), ich durfte nach Hause.Gegen 13.30 Uhr brachte mich das Taxi vor die Haustür und ich konnte nach über 4 Wochen endlich wieder in der eigenen Umgebung sein - ein wunderbarer Augenblick.

Abends gab es dann Lammsteaks mit wenig Pommes frites, und, man höre und staune, die Speisen waren nicht mit grünen Warmhaltedeckeln versehen und die Lammsteaks stammten auch nicht vom Huhn.

Ich hab das unheimlich genossen. Abends ging es dann früh ins Bett und alles in allem hab ich wirklich gut im eigenen Bett geschlafen.

So gut die Betreuung in der Station Holland in Göttingen war (ein großes Dankeschön an alle Pflege/innen und Ärzte/innen), nichts geht über das eigene Bett zu Hause.

Wahrscheinlich werden die Einträge hier nun wieder etwas unregelmäßiger werden. Das heißt dann nicht gleich, dass es mir schlecht geht - wollt ich nur mal sagen, aber natürlich schreib ich weiter!


Motto: "Home, sweet home!"


Montag, den 31.3.2008


Ich hab es ja gesagt, sobald ich zu Hause bin, schreibe ich hier weniger auf der Seite, dabei gehört ja auch diese Zeit zum Erleben der Krankheit dazu.

Habe aber im Moment genug damit zu tun, mit dem Alltag fertig zu werden, da die Kräfte nach wie vor auf Null sind.

Ich muss mich nach der kleinsten Aktivität oft hinlegen und dann komm ich schwer wieder hoch. Manchmal muss ich mir dann einfach Dinge vornehmen, um keine Ausreden zu haben.

Heute Nachmittag habe ich einfach einen kleinen Spaziergang geplant. Und wenn ich klein sage, dann heißt das 200m hin und 200m zurück. Mehr ist eh nicht drin.

Aber es war in der frischen Luft und ich hab mich aufgerafft, das gilt mehr.

Ansonsten ist nicht viel los. Gestern Abend haben wir eine Pizza bestellt. Ich hatte an meiner kleinen sehr zu arbeiten, um sie ganz zu essen. Früher hätte ich das größte Modell bestellt. Wie die Zeiten sich ändern...

Was mir am schwersten fällt, sind die vielen Tabletten, die ich nehmen muss. Alles zur Vorbeugung und Nachsorge. Zwei, teilweise drei Antibiotika, Antivirenmittel, Blutdruck, Magenschoner - das ist manchmal eine richtige Mahlzeit und wird immer schwerer einzunehmen. Mir ist dann stundenlang schlecht und ich freue mich jetzt schon, dass es die nächsten Tage weniger wird.

Was mir auch Mühe macht, ist meine "Hirnlosigkeit" - habe keinerlei Lust zu lesen, geschweige denn, etwas zu lernen (ich wollte ja für die Amateurfunkprüfung lernen). Das wird noch ein paar Tage dauern, ehe ich da wieder Zugang bekomme. Auch das wird wieder gehen, aber es braucht alles seine Zeit.


Motto:"Wenn es noch keines gäbe, würde ich das Bett erfinden!"