Mit dem Krebs im Gespräch


"Guten Tag", sagte der Fuchs. - "Guten Tag", sagte der  kleine Prinz


Haben Sie schon einmal eine Krankheit in ihrem Leben begrüßt? Ich habe es nach der Diagnose im September 2006 getan. Erstens, weil man durch Wut, Angst und Zorn eh nichts an der Diagnose ändert und ausserdem, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass Leben mehr ist als die Abwesenheit von Leid und Krankheit.



"Guten Tag, Myelom."

"Ein schlechter Tag für Dich!", sagte das Myelom, "Noch bin ich inaktiv, aber wehe, wenn..."

"Wieso machst Du mir Angst mit dem, was ich schon lange weiß? Dass mein Leben als Mensch begrenzt ist, weiß ich. Dass mein Leben durch den Glauben an Christus in Gott geborgen ist, glaube ich. Und daran wirst Du nichts ändern!"



Die Fronten waren abgesteckt. Ich hatte einen ungebetenen Gast in mir, ein Schalentier, wie andere Betroffene sagen, und ich habe ihm den unbequemsten Stuhl angeboten, den ich hatte. Wollen wir ja mal sehen, ob er bleibt.



Krankheit als Gast, Krankheit als Einschränkung von scheinbaren Möglichkeiten und dennoch eine Herausforderung an den Glauben. Viele Aktivitäten, viele Dinge, über die wir uns tagtäglich streiten, verlieren ihre Bedeutung. Anderes wird wesentlicher.

Jeder neue Tag aus Gottes Hand genommen, selbst wenn nicht viel darin passiert - das ist es. Weniger ist mehr.

Und dennoch: Der Kampf wird aufgenommen. Ich gebe nicht klein bei, sondern mit allen MItteln, die es gibt, werde ich dem Gast klar machen, dass er kein dauerhaftes Mitbestimmungsrecht in mir haben wird. Der Vermieter meines Körpers ist Gott, nicht der Krebs.



Seit dem 18.6. bin ich krankgeschrieben. Am 10.6. bin ich als neuer Pastor eingeführt worden, am 17.6. hielt ich meinen vorerst letzten Gottesdienst. 20 Leute waren nur gekommen, schade. Hatten wohl Wichtigeres zu tun. Rückfrage: Was gab es denn Wichtigeres? Der Krebs hätte gelacht: Siehst Du, die Menschen haben immer etwas Besseres als Beten zu tun, aber wenn ich bei ihnen einziehe, dann sind sie gleich in meiner Hand, denn sie haben nichts entgegenzusetzen. Kein Psalm, der helfen könnte, kein Vertrauen in den Glauben, Stoßgebete und Angst. Ich find es gut, dass so wenige kommen.
Ja, da hat er Recht, der Krebs. Niemand wird das verstehen, der nicht selber schon erlebt hat, das man einen Schatz an guten Worten braucht, wenn einem selber die Worte ausgehen. Schade halt! Kann man aber ändern.

18.6. - 7 Uhr
Ich muss nüchtern auf die Station für ambulantes Operieren im Krankenhaus Holzminden. Ein Port soll eingesetzt werden. Das ist ein zentraler Venenkatheter, der unter die Haut implantiert wird und bei dem dann ein dünner Katheder bis fast vor das Herz vorgeschoben wird. Dadurch kann man später bei der Chemotherapie einfach die notwendigen Medikamente zuführen, ohne immer nach Venen stochern zu müssen. Ein kleine OP von 30 Minuten bei lokaler Betäubung. Ich kriege alles mit, kann sogar noch mit dem Anästhesisten ein kleines Gespräch führen, während an mit herumoperiert wird. Ist schon verrückt!
Um 11.30 bin ich fertig, gut gelaunt, aber k.o.
Die nächsten Tage sind nicht einfach, weil man nur auf dem Rücken oder auf der gegenüberliegenden Seite schlafen kann, aber es geht.

19.6.
Ab zum Zahnarzt.
Vor der Chemotherapie müssen die Zähne in Ordnung sein, sagte der Onkologe. Da darf keine Infektion drunter sein. Später, wenn die Abwehrkräfte weniger werden, wäre das schlimm. Also erstmal 2 Backenzähne ziehen...war nix anderes zu machen. Frei nach der Devise: "Über sieben Lücken must Du geh'n..." Das mit den Brücken kommt evtl. später. Schließlich gibt es ja auch Pürierstäbe.
Eine der Wunden bleibt offen, die andere wird genäht, alles ziemlich schmerzhaft. Ich bin für nix mehr zu gebrauchen.
Trinken, schlafen, spazieren gehen, essen, schlafen ....wie gut, dass ich jetzt nicht arbeiten muss, ich könnte nichts Gescheites machen. Ausserdem schmerzt der Arm und ist total geschwollen. Der Körper arbeitet auf Hochtouren.

Das Myelom lächelt! Nein, mein liebes Myelom, auch diese Vorbereitungen werde ich ertragen, schließlich sind sie notwendig. Und, auch wenn es dir nicht gefällt, ich fühle mich gut aufgehoben hier im KKH Holzminden. Schon allein, weil einige aus der Gemeinde hier auch arbeiten und Mut machen.
Mut machen, das ist es, was wichtig ist. Nicht den Kopf hängen lassen und sich vergraben, sondern hinaus ins Gespräch. Im Moment beschränkt sich das auf den Internetchat im Krebskompass.
Betroffene und Angehörige tauschen Informationen über Krebs aus, ermutigen sich, blödeln einfach nur mal rum, besprechen und trösten und machen einander Mut für den neuen Tag. Ich freue mich, in diesem Chat mitmachen zu können.

20.6.
Heute war der zweite Backenzahn dran. Die Wunde wird genäht. Eine andere Zahnärztin, Frau Dr.Köster. Sie muss hart ran. Der Bursche sträubt sich. Nach einer Stunde ist er raus, ich bin patschnass (Zitat Frau Dr. Köster: Na, da haben Sie ja ganz schön Wasser gelassen!). Nix wie nach Hause, hinlegen, schlafen.

21.6.
Kein Arzttermin heute. Gott sei Dank!

22.6.
Zahnstein entfernen - eine Katatstrophe, geht oben nur bei kompletter Betäubung. Ich komme mir vor wie ein Elefant nach einem Boxkampf und wanke nach der Behandlung nach Hause. Zweimal hat der Kreislauf derbe Probleme gemacht. Heut passiert nichts Großes mehr, das ist klar.

23.6. und 24.6.
Wochenende. Der Arm wird besser, die Zähne tun weh. Einige Anrufe. Am Sonntag kurz ein Besuch. Nächste Woche kann ich vielleicht wieder Auto fahren, dann werde ich mal in Heinade vorfahren, mal neugierig schauen, wie weit die Handwerker sind. Der Umzug wird nicht vor dem 15.7. stattfinden, dann können die Handwerker in Ruhe arbeiten. Hoffentlich kann ich am 15.7. noch etwas tun...die Chemo beginnt vielleicht am 2. Juli, muss ich noch besprechen. Es kommt auf das OK der Zahnärzte an.
Ich schaue viel fern im Moment. Nicht immer sehr sinnvolle Dinge, aber der Körper lässt hochgeistiges Interesse nicht zu. Nun gut, dann eben ein ander Mal. Beten geht immer. Ich bin doch Pastor von Deensen-Arholzen und Heinade. Für Gemeinde kann ich immer beten. Das gehört zu meinem Arbeitsauftrag dazu. Das mach ich auch. Ich habe sie vor Augen, die Menschen in den Dörfern, ich kenne einige Namen schon. Ich bringe sie vor Gott.

25.6.
Hurra! Zwar habe ich verschlafen aber, man stelle sich vor, ich bin heute Morgen auf der linken Seite liegend aufgewacht. Trotz der OP, trotz des noch leicht geschwollenen Arms, war es möglich. Das erste Mal seit der OP. Das ist ein gutes Zeichen. Ätsch, Du Myelom, es laufen die Vorbereitungen gegen Dich.
Heute habe ich es das erste Mal gewagt, wieder Auto zu fahren. Es ging ganz gut, allerdings drückt der Gurt sehr auf auf die Portwunde. Hoffentlich ändert sich das, wenn die Fäden gezogen sind und die letzten Schwellungen weg sind. Da werde ich wohl mal nach einem Gurtpolster schauen müssen.

26.6.
Der Tag fing ganz gut an, aber als ich gegen 11 Uhr zum Einkaufen wollte, sackte der Blutdruck in den Keller. Die Tabletten oder was immer es war, tun ihren Dienst, leider ein bißchen zu stark. Da half nur hinlegen, ausruhen, schlafen...dann war es wieder ok. Nun war ich einkaufen. Spazierengehen hab ich nicht geschafft, die Zeiten zwischen den Schauern sind einfach zu kurz. Dafür ausgiebig im Krebschat. Es ist gut, sich mit anderen auszutauschen. Reden über die Krankheit ist besser als alles mit sich selber abzumachen. Der Chat bietet eine gute anonyme, oder sagen wir halbanonyme, Möglichkeit. Hier sind so viele Schicksale sichtbar, dass man das Grauen schon wieder davor verliert. Realität, Alltag. Ich werde diese Seiten jetzt einmal ins Internet stellen. Mal sehen!

27.6.
Heute heißt es wieder Zahnarzt! Um 12.30 Uhr bin ich dran. Dann werden wohl die Fäden gezogen und noch ein Zahn behandelt, der Karies hat. Ob es das dann war? Für Morgen sind dann die Fäden bei der OP-Wunde des Ports dran. 11.15h in der Notaufnahme. Dann wollen wir mal sehen, wie alles geheilt ist. Das OK für die Chemo muss von den Zahnärztinnen kommen, vorher macht der Onkologe nix...ist ja auch besser. Seit heute steht diese Homepage im Netz. Bin gespannt, ob es Rückmeldungen gibt! Gestern wieder eine ganz liebe Karte aus einer Gemeinde. Danke dafür!

abends um 23.30Uhr
So, der letzte Zahn ist repariert, die Fäden sind gezogen. Die Zahnärztin wird nun wohl grünes Licht geben. Sie selber bekommt in 7 Wochen ihr erstes Kind. Wir haben uns beide Glück für die nächste Zeit gewünscht. Geben und Nehmen gehören zusammen, egal, ob man krank ist oder nicht. Ich finde das sowieso manchmal schwierig, wie schnell ein kranker Mensch unter "hilfsbedürftig" abgelegt wird, auch wenn er durch seine Krankheit vielleicht vielen viel mehr zum Leben hilft.

28.6.
So, die Fäden sind gezogen. Die Portwunde sieht gut aus. Die zuständige Schwester setzt nach dem ersten Versuch ihre Brille auf und meint: "Oh, da sieht man wirklich besser mit!" Gut für mich, sonst schneidet sie mir noch andere Dinge durch als die Fäden. In 2 Minuten war alles erledigt. Ein Arzt wird zur Kontrolle gerufen. Auch er gibt sein ok. Nachmittags gerät der Mittagsschlaf sehr lang...der Körper fordert, was er braucht.

29.6.
Ich warte auf einen Anruf des Onkologen. Da ich ihn schon dreimal genervt habe in der Praxis und immer nur zu hören bekam: "Wenn die Zahnärzte ok geben, dann sehen wir weiter..." bliebt mir nix anderes über.